Fullerene reduziert akute Strahlendermatitis bei Kopf-Hals-Tumorpatient:innen unter Radio-/Radiochemotherapie
Die akute Strahlendermatitis (ARD) zählt zu den häufigsten und klinisch relevantesten Nebenwirkungen der Radiotherapie bei Kopf-Hals-Tumoren. Sie kann Lebensqualität, Therapieadhärenz und in Einzelfällen auch die Kontinuität der Behandlung und damit auch deren Erfolg beeinträchtigen. Evidenzbasierte Strategien zur Prophylaxe sind bislang limitiert und es gibt keinen etablierten Standard [1]. Fullerene sind kohlenstoffbasierte Nanomaterialien mit antiinflammatorischen und insbesondere antioxidativen Eigenschaften, die bereits in präklinischen Studien eine Reduktion von oxidativen Schäden und kutane Entzündungsreaktionen zeigen konnten [2]. Vor diesem Hintergrund untersuchte die nun publizierte randomisierte Phase-II-Studie die Wirksamkeit einer topischen Fullerene-Creme im Vergleich zur Trolamin-Creme bei Patient:innen mit Kopf-Hals-Tumoren unter Radio-/Radiochemotherapie [3].
Originalpublikation:
Liu Z, Liu X, Li Z, Xie J, Gao K, Pei Y, Gu Z, Peng X (2026) Fullerene for Reducing Acute Radiation Dermatitis in Patients Undergoing Radiotherapy for Head and Neck Cancer: A Phase II, Double-Blind, Randomized Controlled Trial. Journal of Clinical Oncology. Published online March 20, 2026. doi:10.1200/JCO-25-02264.
Methodik und Ergebnisse
In der prospektiven, randomisierten, doppelblinden Phase-II-Studie wurden am West China Hospital zwischen August 2024 und März 2025 insgesamt 132 Patient:innen mit lokoregional begrenzten Kopf-Hals-Tumoren im Verhältnis 1:1 einer topischen Fullerene- oder Trolamin-Creme randomisiert. Eingeschlossen wurden Patient:innen mit geplanter definitiver oder adjuvanter Radiotherapie, mit oder ohne simultane Cisplatin-basierte Chemotherapie. Die Bestrahlung erfolgte normofraktioniert (Einzeldosis 1,8-2,2 Gy bis 60-72 Gy) und mittels VMAT. Die jeweilige Creme wurde dreimal täglich angewendet, beginnend drei Tage vor Radiotherapiebeginn bis 14 Tage nach Therapieabschluss. Die Galenik, Konsistenz, Farbe und Geruch der beiden Cremes wurden so angepasst, dass ein Unterschied weder für Patient:innen noch das betreuende Personal erkennbar war. Primärer Endpunkt war die Inzidenz einer ARD Grad ≥2 in der Intention-to-treat-Population. Sekundäre Endpunkte umfassten unter anderem Zeitpunkt des Auftretens, Dauer und Schweregrad der ARD, therapieassoziierte Nebenwirkungen sowie patientenberichtete Lebensqualität. Exploratorisch wurde zusätzlich das Hautmikrobiom untersucht.
Die Inzidenz einer ARD Grad ≥2 war unter Fullerene signifikant geringer als unter Trolamin (34,8 % vs. 83,3 %; P < 0,001). Auch höhergradige Hauttoxizitäten traten seltener auf: Eine ARD Grad ≥3 wurde bei 6,1 % versus 40,9 % beobachtet (P < 0,001), und Grad-4-Reaktionen traten im Fullerene-Arm nicht auf, während sie im Trolamin-Arm bei 13,6 % der Patient:innen dokumentiert wurden (P = 0,003). Darüber hinaus war die Dauer einer ARD Grad ≥2 unter Fullerene deutlich kürzer (median 14 vs. 28 Tage; P < 0,001), und das Auftreten insgesamt war verzögert. Der protektive Effekt blieb auch nach Adjustierung für die etablierten ARD-Risikofaktoren BMI, Diabetes, Raucherstatus und simultane Chemotherapie bestehen (adjustiertes relatives Risiko 0,34; 95 %-KI 0,22-0,52).
Auch in den patientenberichteten Endpunkten zeigte sich ein Vorteil zugunsten von Fullerene. Am Ende der Radiotherapie berichteten Patient:innen im Fullerene-Arm über geringere hautbezogene Beschwerden und funktionelle Einschränkungen im Skindex-16. Zusätzlich wurden weniger Schmerzen und ein geringerer Analgetikabedarf im QLQ-H&N35 berichtet. Vier Wochen nach Abschluss der Radiotherapie waren die Unterschiede zwischen den Gruppen jedoch weitgehend nicht mehr nachweisbar.
Hinsichtlich der Sicherheit ergaben sich keine relevanten Nachteile durch Fullerene. Leichte allergische, jedoch selbstlimitierende Hautreaktionen wurden in 4,5 % im Fullerene-Arm und in 3,0 % im Trolamin-Arm beobachtet. Therapieassoziierte schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden nicht festgestellt. Die Rate weiterer radiotherapieassoziierter Grad-3/4-Nebenwirkungen war zwischen beiden Gruppen vergleichbar. Exploratorisch zeigte sich unter Fullerene am Ende der Radiotherapie zudem eine höhere mikrobielle Diversität der Haut sowie eine Anreicherung potenziell barriereprotektiver Bakterien wie Lactobacillaceae, Prevotellaceae und Lachnospiraceae.


Kommentar:
Die Studie von Liu et al. untersucht in einer prospektiven, randomisierten, doppelblinden Phase-II-Studie die topische Anwendung von Fullerene- versus Trolamin-Creme zur Prophylaxe der akuten Strahlendermatitis bei Kopf-Hals-Tumorpatient:innen [3]. Positiv hervorzuheben sind das Studiendesign, die statistische Fallzahlberechnung sowie die insgesamt vergleichbaren Basischarakteristika. Auch zentrale Therapieparameter wie mittlere und mediane Gesamtdosis wie auch Hautdosis sind zwischen beiden Studienarmen vergleichbar. Numerisch zeigt sich eine auffällige Ungleichverteilung zwischen definitiver und adjuvanter Radiotherapie mit 25,8 % definitiver Radiotherapie im Fullerene-Arm gegenüber 39,4 % im Trolamin-Arm. Diese Differenz ist auf Basis der publizierten absoluten Zahlen zwar nicht statistisch signifikant (eigene Nachberechnung: Fisher P = 0,137), bleibt aber klinisch relevant. Vor diesem Hintergrund ist die sehr hohe Rate schwerer Radiodermatitis im Trolamin-Arm besonders auffällig: Grad-≥3-ARD trat bei 40,9 % auf, Grad-4-ARD bei 13,6 % (Ulzeration/Blutung/Nekrose), während unter Fullerene keine Grad-4-Reaktionen beobachtet wurden.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Wahl des Vergleichsarms. Trolamin ist historisch zwar häufig untersucht worden, gilt aber nach heutiger Evidenz nicht als überzeugende Standardprophylaxe. Die aktuelle S3-Leitlinienzusammenfassung nennt für die Prophylaxe der Radiodermatitis ausdrücklich eine „sollte nicht“-Empfehlung für Trolamin [1]. Zudem zeigte bereits die Phase-III-Studie RTOG 99-13 keinen Vorteil von Trolamin bei Kopf-Hals-Tumoren, und in einer großen Phase-III-Studie bei Mammakarzinom war Calendula dem Trolamin hinsichtlich Radiodermatitis Grad ≥2 signifikant überlegen [4,5]. Dadurch wird die Überlegenheit von Fullerene gegenüber Trolamin zwar nicht entwertet, sie ist aber methodisch vorsichtiger zu interpretieren, weil der Kontrollarm nicht dem Referenzstandard entspricht.
Hinzu kommt, dass die tatsächliche Anwendung der Prüfpräparate nur unzureichend nachvollziehbar ist. Im Manuskript wird die vorgesehene Applikation dreimal täglich von drei Tagen vor bis 14 Tage nach Radiotherapie klar beschrieben, belastbare Angaben zur realen Adhärenz finden sich in der publizierten Arbeit jedoch nicht.
Die Mikrobiom-Analyse ist ein interessanter und biologisch plausibler explorativer Bestandteil der Studie, sollte aber klar hypothesengenerierend interpretiert werden [6]. Die Autoren schlussfolgern, dass die antioxidativen Eigenschaften von Fullerene durch Abfangen reaktiver Sauerstoffspezies zur Stabilisierung des kutanen Mikrobioms beitragen könnten („radical scavenger“). Weiterhin gelten die angereicherten Taxa als effiziente Produzenten kurzkettiger Fettsäuren, die die Barrierefunktion von Keratinozyten stärken und kutane Inflammation reduzieren können.
Insgesamt sind die Ergebnisse vielversprechend und sprechen für einen möglichen protektiven Effekt von Fullerene bei akuter Radiodermatitis im Kopf-Hals-Bereich. Für eine belastbare Einordnung wären jedoch ein stärkerer und klinisch zeitgemäßerer Vergleichsarm sowie eine transparentere Berichterstattung zur tatsächlichen Anwendung der topischen Therapie und zu den relevanten Radiotherapieparametern notwendig.
Referenzen:
1. Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen, Langversion 2.0, 2025, AWMF-Registernummer: 032-054OL https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/supportive-therapie/; Zugriff am [23.03.2026]
2. Yin H, Gao Y, Chen W, Tang C, Zhu Z, Li K, et al. Topically applied fullerenols protect against radiation dermatitis by scavenging reactive oxygen species. Discov Nano. (2023) 18:101. 10.1186/s11671-023-03869-7
3. Liu Z, Liu X, Li Z, Xie J, Gao K, Pei Y, Gu Z, Peng X. Fullerene for Reducing Acute Radiation Dermatitis in Patients Undergoing Radiotherapy for Head and Neck Cancer: A Phase II, Double-Blind, Randomized Controlled Trial. J Clin Oncol. Published online March 20, 2026. doi:10.1200/JCO-25-02264.
4. Elliott EA, Wright JR, Swann RS, Nguyen-Tân F, Takita C, Bucci MK, Garden AS, Kim H, Hug EB, Ryu J, Greenberg M. Phase III Trial of an emulsion containing trolamine for the prevention of radiation dermatitis in patients with advanced squamous cell carcinoma of the head and neck: results of Radiation Therapy Oncology Group Trial 99-13. Journal of clinical oncology. 2006 May 1;24(13):2092-7.
5. Pommier P, Gomez F, Sunyach MP, D’Hombres A, Carrie C, Montbarbon X. Phase III randomized trial of Calendula officinalis compared with trolamine for the prevention of acute dermatitis during irradiation for breast cancer. J Clin Oncol. 2004;22:1447-53
6. Dejonckheere CS, Layer JP, Schmeel LC, Gkika E. Identification of the skin microbiome as an emerging and modifiable risk factor for radiation dermatitis in breast cancer. Supportive Care in Cancer 32.8 (2024): 538.

