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Trotz der H\u00e4ufigkeit von ARD gibt es nur wenige evidenzbasierte Therapieoptionen.<sup>1<\/sup> In einer aktuell randomisierten Phase II\/III wurde gezeigt, dass eine Kolonisierung mit Staphylococcus aureus, die bei \u00fcber 30% aller Menschen vorliegt, ein unabh\u00e4ngiger Risikofaktor f\u00fcr die Entwicklung einer ARD Grad-2 oder h\u00f6her bei Brust- und Kopf-Hals-Krebspatienten ist.<sup>2,3<\/sup> Um Komplikationen durch S. aureus-Besiedelung zu verhindern, kann eine pr\u00e4ventive bakterielle Dekolonisierung (BD) eine sichere und kosteneffektive Methode sein.<sup>4,5<\/sup><\/p>\n<p>In der vorgestellten Studie wird die Effektivit\u00e4t einer BD zur Minderung des Grades der ARD gegen\u00fcber der Standardbehandlung bei Patientinnen mit Brustkrebs untersucht.<\/p>\n<p><strong>Yana Kost, BA; Alana Deutsch, MD; Karolina Mieczkowska, et al.: &#8222;Bacterial Decolonization for Prevention of Radiation Dermatitis: A Randomized Clinical Trial&#8220; 2023;9(7):940-945. doi:10.1001\/jamaoncol.2023.0444<\/strong><\/p>\n<p><u>Methodik und Ergebnisse<\/u><\/p>\n<p>In einer unizentrischen, randomisierten, kontrollierten Phase 2\/3 Studie wurde die Anwendung von Mupirocin Nasenspray und Chlorhexidingluconat-K\u00f6rperwaschung zur bakteriellen Dekolonisierung (BD) bei Patientinnen mit Brustkrebs unter kurativer Strahlentherapie zur Verringerung des Auftretens einer akuten Radiodermatitis (ARD) -Grad\u22652-MD untersucht.<\/p>\n<p>Prim\u00e4rer Endpunkt war die Entwicklung eines Grad 2-mit feuchter Desquamation (MD) oder h\u00f6her am letzten Tag der Bestrahlung. Zur Bewertung wurden standardisierte Fotos des bestrahlten Bereichs zu Beginn der Studie und am letzten Tag der RT erstellt und anhand der Kriterien f\u00fcr unerw\u00fcnschte Ereignisse (CTCAE Version 4.03) von verblindeten Beobachtern bewertet. Dabei wurde zwischen Grad 2 ARD mit &#8222;m\u00e4\u00dfigem bis lebhaftem Erythem&#8220; (Grad-2) und &#8222;fleckiger feuchter Desquamation, mit Beschr\u00e4nkung auf die Hautfalten &#8220; (Grad-2-MD) unterschieden. Zum Zweck der statistischen Analysen wurde Grad-2-MD als Grad 2.5 gewichtet. Sekund\u00e4rer Endpunkt war die Evaluation der Patientenlebensqualit\u00e4t mittels Skindex-16. Die Effektivit\u00e4t der BD wurde zeitgleich mit Nasenabstrich \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>Das Interventionsprotokoll f\u00fcr die BD-Gruppe beinhaltete die t\u00e4gliche Anwendung von intranasalem Mupirocin und Chlorhexidingluconat-K\u00f6rperwaschung an 5 konsekutiven Tagen vor der RT und dann alle zwei Wochen f\u00fcr 5 Tage w\u00e4hrend der gesamten RT-Dauer. In der Standardversorgungsgruppe wurden die abteilungsspezifischen, normalen Hygienestandards (nicht spezifiziert) angewendet.<\/p>\n<p>Eingeschlossen wurden Patient:innen mit Brustkrebs oder Kopf-Hals-Krebs und geplanter Strahlentherapie mit kurativer Absicht (RT \u226515 Fraktionen). Die Teilnehmenden wurden gem\u00e4\u00df einer 1:1-Verteilung, stratifiziert nach Karzinomdiagnose, randomisiert entweder der BD- oder der Standardversorgungsgruppe zugewiesen. Bei der statistischen Analyse wurde die Entwicklung einer ARD Grad-2-MD oder h\u00f6her, als prim\u00e4rer Endpunkt ber\u00fccksichtigt. Insgesamt wurden 123 Patient:innen, mittels willk\u00fcrlicher Stichprobe f\u00fcr die Teilnahme an der Studie ermittelt, von diesen wurden 3 ausgeschlossen und 40 lehnten eine Teilnahme ab, von 80 eingeschlossenen Patient:innen schlossen 77 die RT erfolgreich ab (75 Patient:innen mit Brustkrebs [97,4%] und 2 Patient:innen mit Kopf-Hals-Krebs [2,6%]. Ein Drittel der Patientinnen war schwarz, (33,7% [n = 26]) ein Drittel hispanischer Herkunft (32,5% [n = 25]). Der Body Mass Index (BMI) war in der BD-Gruppe niedriger, allerdings nicht signifikant (28,6 (SD 6,1) vs. 30,1 (SD 5,2), die mittlere Dosis 52 Gy (Interquartilen Range 42.4-52.4) und mittleres Alter vergleichbar.<\/p>\n<p>Keine der 39 mit BD-behandelten Patient:innen und neun (23,7%) der\u00a0 Kontroll-Patient:innen entwickelt eine ARD Grad-2-MD oder h\u00f6her (p= 0,001). \u00c4hnliche Ergebnisse zeigten sich bei der Analyse nur der 75 Patient:innen mit Brustkrebs. Der durchschnittliche ARD-Grad (SD) war signifikant niedriger bei mittels BD-behandelten Patient:innen (1,2 [0,7]) im Vergleich zu Patient: innen der Kontrollgruppe (1,6 [0,8]) (p = 0,02). Die Therapiecompliance war mit 27 (69,2%) Patientinnen im BD-Arm ausreichend. Dagegen zeigte sich kein Unterschied in Symptomlast und Lebensqualit\u00e4t (Skin-Index-16). Die BD korrelierte in der Multivarianzanalyse neben BMI, RT-Dosis, j\u00fcngerem Alter mit der ARD. Die BD war effektiv (Reduktion der Infektion in Interventionsgruppe <em>versus<\/em> Anstieg in Kontrollgruppe).<\/p>\n<p>&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;<a href=\"https:\/\/www.degro.org\/nebenwirkungen\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2023\/10\/Tabelle-Radiodermatitis-Bakterielle-Dekolonisierung.pdf\">Tabelle mit detaillierten Angaben zu Methodik und Ergebnissen der Studie<\/a><\/p>\n<p><u>Kommentar<\/u><\/p>\n<p>In dieser hochrangig publizierten randomisierten Phase-2\/3 Studie wurde die Anwendung von Mupirocin Nasenspray und Chlorhexidingluconat-K\u00f6rperwaschung zur bakteriellen Dekolonisierung (BD) bei Patient:innen mit Brustkrebs unter kurativer Strahlentherapie (&gt;15 Fraktionen) zur Verringerung des Auftretens eines ARD-Grad\u22652-MD untersucht. In der Studie konnte eine signifikante Reduktion, sowohl des Auftretens eines ARD-Grad\u22652-MD, als auch des durchschnittlichen Grades eines ARD gezeigt werden. Der Effekt der Therapie beruht wahrscheinlich darauf, dass in der BD-Gruppe keine feuchte Desquamation in den Hautfalten beobachtet wurde (G2MD); die Anzahl G3-Reaktionen in der Kontrollgruppe wird nicht berichtet. Auf Grund dieser klinischen Beobachtung wurde der Endpunkt G2MD w\u00e4hrend der Studie eingef\u00fchrt. Diese Adaptation MD wurde in anderen Studien bereits durchgef\u00fchrt und ist klinisch durchaus nachvollziehbar. F\u00fcr G\u22652 (urspr\u00fcnglicher Endpunkt) zeigte sich kein signifikanter Effekt. Bemerkenswert ist, dass die ARD am letzten Strahlentherapietag bewertet wurde, obwohl eine verz\u00f6gerte Reaktion nach Hypofraktionierung (Einzeldosis von 2,6-2,65 Gy wurden appliziert) m\u00f6glich ist. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die BD die RD G2MD verz\u00f6gert anstatt verhindert hat.<\/p>\n<p>In dieser Studie wurde, wie es in vielen Studien der Fall ist, weder die Standardtherapie definiert (insbesondere Vorgaben zum Waschen) noch die Ma\u00dfnahmen bei Auftreten der ARD G2. Einzige Angabe ist der Hinweis auf gleich h\u00e4ufige Silbersulfdiazin-Anwendung in beiden Gruppen. Potentiell wirksame Ma\u00dfnahmen wie z B. Steroidanwendung vor der Messung des Endpunktes am letzten Therapietag, k\u00f6nnen das Ergebnis beeinflussen. Drei weitere Einflussfaktoren wurden in der Multivarianzanalyse gezeigt, Dosis, Alter und BMI. Sie waren in den Gruppen nicht statistisch signifikant unterschiedlich, jedoch fehlen Angaben zu m\u00f6glichen Dosiseffekten wie Korrelation von Dosis &gt; 42 Gy oder OP-Verfahren (Brusterhaltende Therapie vs. Mastektomie und Bolus-Techniken) und MD je Gruppe.<\/p>\n<p>Des Weiteren ist die untersuchte Methode der bakteriellen Dekolonisierung einfach, kosteng\u00fcnstig und zeigt eine relativ hohe Therapieadh\u00e4renz (69 %) mit einer sehr guten Vertr\u00e4glichkeit (2,5% unerw\u00fcnschte Ereignisse). All dies ist als positiv zu werten. M\u00f6gliche Einschr\u00e4nkungen zeigen sich darin, dass Patient: innen mit Kopf-Hals-Tumoren eine Teilnahme an der Studie ablehnten, so dass wie in der Mehrheit der Studien zu ARD Brustkrebs-Patientinnen das Studienkollektiv bildeten.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschend ist der fehlende Hinweis auf Symptomreduktion oder Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t im Skindex 16 (Trend zu schlechteren Ergebnissen in der Emotion-Skala in BD-Gruppe, Delta 5,0 vs 0, p=0,05). Die Autorinnen diskutieren als m\u00f6gliche Ursache hohe Erwartungen der unverblindeten Interventionsgruppe (die entt\u00e4uscht wurden) oder fehlende Eignung des Tests, da beobachtete ARD G0 und Punktzahl Skindex nicht gut korrelieren. Es ist allerdings gut bekannt, dass der Untersucherbasierte und Patient:innen-basierte Schweregrad nicht gut korreliert <sup>6<\/sup>. Das schr\u00e4nkt den Wert der Patientenbasierten Messmethoden nicht ein \u2013 das Entscheidende ist die Befindlichkeit der Patientinnen.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die Bilanz der bakteriellen Dekolonisierung (BD) zur Reduktion des Schweregrades und der Auftretenswahrscheinlichkeit von ARD-Grad\u22652-MD als positiv zu werten. Rationale, Therapieansatz und Studiendesign dieser Studie rechtfertigen die weiterf\u00fchrende Untersuchung im Rahmen einer multizentrischen Studie bei Brustkrebspatientinnen.<\/p>\n<p><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/p>\n<ol>\n<li>Lucey P, Zouzias C, Franco L, Chennupati SK, Kalnicki S, McLellan B. Practice patterns for the prophylaxis and treatment of acute radiation dermatitis in the United States. Support Care Cancer. 2017;25(9):2857-2862. doi:10.1007\/s00520-017-3701-0<\/li>\n<li>Kost Y, Rzepecki AK, Deutsch A, et al. Association of staphylococcus aureus colonization with Severity of acute radiation dermatitis in patients with breast or head and neck cancer. JAMA Oncol. Published online May 4, 2023:e230454. doi:10.1001\/jamaoncol.2023.0454<\/li>\n<li>Sakr A, Br\u00e9geon F, M\u00e8ge JL, Rolain JM, Blin O. Staphylococcus aureus nasal colonization: an update on mechanisms, epidemiology, risk factors, and subsequent infections. Front Microbiol. 2018;9:2419. doi:10.3389\/fmicb.2018.02419<\/li>\n<li>Lee BY, Bartsch SM, Wong KF, et al. Beyond the Intensive Care Unit (ICU): countywide impact of universal ICU Staphylococcus aureus decolonization. Am J Epidemiol. 2016;183(5):480-489. doi:10.1093\/aje\/kww008<\/li>\n<li>Chen AF, Wessel CB, Rao N. Staphylococcus aureus screening and decolonization in orthopaedic surgery and reduction of surgical site infections. Clin Orthop Relat Res. 2013;471(7):2383-2399. doi:10.1007\/s11999-013-2875-0<\/li>\n<li>Behroozian T, Milton L, Zhang L et al.How do patient-reported outcomes compare with clinician assessments? A prospective study of radiation dermatitis in breast cancer Radiotherapy and Oncolog 2021; 159: 98\u2013105<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die h\u00e4ufigste akute Nebenwirkung der Brustbestrahlung ist die akute Radiodermatitis (ARD). 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