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Insbesondere die zwei Cannabinoide, Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), die sich ihrer psychoaktiven Eigenschaften unterscheiden werden aktuell untersucht. CBD hat im Gegensatz zur THC keine psychoaktiven Eigenschaften. Es interagiert mit dem Endocannabinoid-System des K\u00f6rpers und wird zur Linderung von Schmerzen, Appetitsteigerung sowie Schlafst\u00f6rungen angewandt. In Deutschland sind CBD-Produkte erlaubt, solange sie nicht als Nahrungserg\u00e4nzungsmittel missbraucht werden und einen THC-Gehalt von unter 0,2 % aufweisen. Das gilt f\u00fcr \u00d6l, Cremes, Gel und andere Kosmetik-Produkte.<br \/>\nEin systematisches Review aus 6 randomisierten Studien untersuchte die Auswirkungen von Cannabinoiden auf den Appetit [1]. Hier zeigten Cannabinoide keinen Einfluss auf Appetit, die orale Aufnahme und die appetit-bezogene Lebensqualit\u00e4t zu haben.<br \/>\nIn der vorgestellte Studie wird die Einnahme von CBD-\u00d6l \u00fcber einen Zeitraum von 14 bzw. 28 Tagen gegen\u00fcber Placebo zur Symptomkontrolle bei palliativen Patient:innen untersucht. Prim\u00e4rer Endpunkt der Studie war der Wert des Edmonton Symptom Assessment Systems (ESAS) am Tag 14. Weiterhin wurden sekund\u00e4re Endpunkte wie individuelle Symptom-Scores, Opioddosis, depressive Symptome, Angst, Lebensqualit\u00e4t und Nebenwirkungen untersucht.<\/p>\n<p><strong>Hardy, Janet, Ristan Greer, Georgie Huggett, Alison Kearney, Taylan Gurgenci, and Phillip Good. &#8222;Phase IIb Randomized, Placebo-Controlled, Dose-Escalating, Double-Blind Study of Cannabidiol Oil for the Relief of Symptoms in Advanced Cancer (MedCan1-CBD).&#8220; Journal of Clinical Oncology (2022): 41:1444-1452.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Methodik und Ergebnisse<\/span><\/p>\n<p>Im Rahmen einer multizentrischen, randomisierten Phase-IIb Dosiseskalationsstudie wurden 144 Patient:innen an 5 Krebszentren in S\u00fcdost Queensland (Australien) untersucht [2]. Auswertbar nach Per-Protokoll-Analyse f\u00fcr den prim\u00e4ren Endpunkten waren 121 (84%) Patient:innen, die in den CBD-Arm (n=58) bzw. Placebo (n=63) randomisiert wurden. F\u00fcr den Studieneinschluss mussten die Patient:innen \u00fcber 18 Jahre sein und ein fortgeschrittene Krebserkrankung aufweisen. Weiterhin wurde ein negativer THC-Urintest sowie ein modifizierter Karnofsky-index von \u226530% und eine Symptomlast mittels ESAS \u226510\/90 (mit einem Symptom \u2265 3) gefordert. Psychiatrische Erkrankung inkl. Suchterkrankung, sowie eine onkologische Therapie (Chemo- oder Strahlentherapie) weniger als 7 Tage vor Studienbeginn waren Ausschlusskriterien.<br \/>\nAlle Patient:innen erhielten eine palliative Versorgung nach Definition des australischen Konsensus und wurden zuf\u00e4llig entweder einer Behandlungsgruppe mit CBD-\u00d6l (100 mg\/mL) oder einer Kontrollgruppe mit identischen Placebo-\u00d6l-Flaschen zugewiesen [3].<br \/>\nDas CBD-\u00d6l der GD Pharma Ltd wurde nach Reinheitsnachweis verwendet. Eine Dosisanpassung der CBD-Kohorte erfolgte alle drei Tage \u00fcber 14 Tage von 0,5 mL (\u225950mg CBD) einmal t\u00e4glich bis hin zu 2 mL (\u2259200mg CBD) dreimal t\u00e4glich oral, soweit den Patient:innen vertragen wurde. Diese Dosis konnte f\u00fcr weitere 2 Wochen lang auf der ausgew\u00e4hlten Dosis zu bleiben (insgesamt 28 Tage). Telefonische Bewertungen von Wirksamkeit und Nebenwirkungen sowie zur Dosisanpassung wurden in den ersten beiden Wochen alle 3-4 Tage durchgef\u00fchrt, wobei medizinische Untersuchungen vor Ort zu Beginn sowie am Tag 14 und 28 stattfanden. Aufgrund der Beschr\u00e4nkungen durch die COVID-19 Pandemie konnten die Untersuchengen an den Tagen 7, 21 und 56 telefonisch durchgef\u00fchrt werden. Als prim\u00e4rer Endpunkt wurde der Baselinewert des ESAS mit Tag 14 verglichen. Hier zeigte sich eine Ver\u00e4nderung des ESAS von -6,2 (Standardabweichung (SD):14.5) f\u00fcr Placebo und -3,0 (SD:15,2) f\u00fcr CBD, der jedoch nicht signifikant zwischen den Gruppen war (p = 0,24). Es zeigte sich kein Unterschied in den Ansprechraten (Placebo: 37 von 63 [58,7%], CBD: 26 von 58 [44,8%], p = 0,13). Alle Symptomitems des ESAS verbesserten sich im Studienverlauf ohne jedoch Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt zu k\u00f6nnen. Die mediane CBD-Dosis der Studienteilnehmer:innen betrug 400 mg pro Tag, ohne Korrelation zur Opioiddosis. Es wurde kein nachweisbarer Effekt von CBD-\u00d6l auf die Lebensqualit\u00e4t, depressive Symptome oder \u00c4ngste festgestellt. Die unerw\u00fcnschten Ereignisse unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen, abgesehen von Atemnot, die bei CBD h\u00e4ufiger auftrat (p = 0,04). Die meisten Teilnehmer berichteten, dass sie sich am Tag 14 (53% CBD und 65% Placebo) und 28 (70% CBD und 64% Placebo) besser oder viel besser f\u00fchlten.<\/p>\n<p>&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;&gt;<a href=\"https:\/\/www.degro.org\/nebenwirkungen\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2023\/07\/Tabelle-Cannabisoel.pdf\">Tabelle mit detaillierten Angaben zu Methodik und Ergebnissen der Studie<\/a><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Kommentar<\/span><\/p>\n<p>In dieser qualitativ hochwertigen randomisierten Phase-2 Studie wurde die Anwendung von CBD-\u00d6l bei palliativen Patient:innen mit fortgeschrittener Krebserkrankung zur Symptomkontrolle sowie auf Ver\u00e4nderung der Opioddosis, depressiven Symptomen, Angst, Lebensqualit\u00e4t und auftretenden Nebenwirkungen gegen\u00fcber Placebo untersucht. Beide Patientenarme zeigten eine ausgeglichene Verteilung bzgl. Symptomlast und relevanten Patientencharakteristiken (Alter, Geschlecht, Grunderkrankung, Opioddosis) bei Randomisation. Die Verblindung erfolgte gegen\u00fcber Patient:innen wie auch \u00c4rzte:innen und Untersucher:innen und Ausschluss einer Identifikation durch Geschmack, Farbe oder Flaschengr\u00f6sse. Aufgrund von Noncompliance wurde jeweils ein Patient:in pro Studienarm ausgeschlossen.<br \/>\nDie Untersuchung der medizinischen Anwendung von Cannabioiden u.a. CBD wird vor allem durch die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Cannabis und Cannabinoide und der zunehmenden Liberalisierung vorangetrieben. Aktuell kann THC als \u00f6lige L\u00f6sung, Kapseln oder Tropfen in Deutschland verordnet werden (Dronabinol). CBD ist ebenfalls als Tropfen verf\u00fcgbar. Weiterhin wurde synthetisches Cannabinoid Nabilon f\u00fcr die Anwendung bei chemotherapiebedingter \u00dcbelkeit zugelassen [4]. Als weiteres Anwendungsgebiet ist ein Mundspray mit dem Wirkstoff Nabixomols (enth\u00e4lt THC und CBD) bei Spastiken bei Multipler Sklerose zugelassen [5].<br \/>\nDie hier vorgestellte Studie stellt ein Folgeprojekt einer unizentrischen prospektiven zweiarmigen offenen Pilotstudie, die die Wirksamkeit steigender Dosen von CBD- und THC-\u00d6l auf tumorbedingte Symptome bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen untersucht, dar [6]. Die Patient:innen nahmen eine mittlere maximal tolerierte Dosis von 300 mg\/Tag CBD (Bereich 100-600 mg) bzw. 10 mg\/Tag THC (Bereich 5-30 mg) ein. Hier zeigte sich ein Therapieansprechen (\u22656 Punkte Reduktion des TSDS (total symptom distress scores) bei 9 von 21 Patient:innen (43%). Die h\u00e4ufigste beobachtete Nebenwirkung war Schl\u00e4frigkeit.<br \/>\nIn der aktuellen Studie konnte keine Verbesserung der Symptomlast \u00fcber Placeboeffekt hinaus gezeigt werden [2]. Es zeigte sich auch kein Unterschied in den Therapieansprechraten (Placebo: 37 von 63 [58,7%], CBD: 26 von 58 [44,8%], p = 0,13). Weiterhin wurde kein nachweisbarer Effekt von CBD-\u00d6l auf die Lebensqualit\u00e4t, depressive Symptome oder \u00c4ngste gegen\u00fcber Placebo festgestellt. Im Gegensatz zur Studie von Good et al. zeigte sich eine signifikante Zunahme von Dyspnoe bei CPD-Einnahme (p = 0,04) [2, 6]. Erfreulicherweise berichteten die Studienpatient:innen, dass sie sich am Tag 14 (53% CBD und 65% Placebo) und 28 (70% CBD und 64% Placebo) besser oder viel besser f\u00fchlten.<br \/>\nInsgesamt ist die Bilanz von CBD als negativ zu betrachten und rechtfertigt nicht den Einsatz von CPD-Produkten bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen bez\u00fcglich Symptomkontrolle, Lebensqualit\u00e4t, depressiven Symptomen oder Angst.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Literatur<\/span><\/p>\n<p>1. Johnson S, Ziegler J, August DA (2021) Cannabinoid use for appetite stimulation and weight gain in cancer care: Does recent evidence support an update of the European Society for Clinical Nutrition and Metabolism clinical guidelines? Nutrition in clinical practice 36:793\u2013807<br \/>\n2. Hardy J, Greer R, Huggett G, Kearney A, Gurgenci T, Good P (2022) Phase IIb Randomized, Placebo-Controlled, Dose-Escalating, Double-Blind Study of Cannabidiol Oil for the Relief of Symptoms in Advanced Cancer (MedCan1-CBD). Journal of Clinical Oncology JCO: 41:1444-1452.<br \/>\n3. Ferrell BR, Twaddle ML, Melnick A, Meier DE (2018) National consensus project clinical practice guidelines for quality palliative care guidelines. Journal of palliative medicine 21:1684\u20131689<br \/>\n4. Alderman B, Hui D, Mukhopadhyay S, Bouleuc C, Case AA, Amano K, Crawford GB, de Feo G, Sbrana A, Tanco K (2023) Multinational Association of Supportive Care in Cancer (MASCC) expert opinion\/consensus guidance on the use of cannabinoids for gastrointestinal symptoms in patients with cancer. Supportive Care in Cancer 31:39<br \/>\n5. Conte A, Vila Silv\u00e1n C (2022) Review of available data for the efficacy and effectiveness of nabiximols oromucosal spray (Sativex\u00ae) in multiple sclerosis patients with moderate to severe spasticity. Neurodegenerative Diseases 21:55\u201362<br \/>\n6. Good PD, Greer RM, Huggett GE, Hardy JR (2020) An open-label pilot study testing the feasibility of assessing total symptom burden in trials of cannabinoid medications in palliative care. Journal of palliative medicine 23:650\u2013655<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Hintergrund der weltweit zunehmenden Liberalisierung, dem wachsenden Interesses an medizinischen Anwendungsm\u00f6glichkeiten und der \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber Cannabis und Cannabinoide wird deren Einsatz in der onkologischen Supportivtherapie wie auch der Palliativmedizin aufgrund der limitierten Datenlage kontrovers diskutiert. 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