DEGRO-ARO-Pressemitteilung | Optimale Bildgebung bei Glioblastom-Rezidiven: deutsche GLIAA-Studie belegt erstmals Gleichwertigkeit von PET und MRT

Eine optimale Bildgebung ist enorm wichtig für eine moderne Bestrahlungsplanung. Bei Patienten mit rezidiviertem Glioblastom weist die Positronen-Emissionstomografie mit O-(2-[¹⁸F]Fluorethyl)-L-Tyrosin (FET-PET) eine höhere Spezifität auf als die kontrastmittelverstärkte T1-gewichtete Magnetresonanztomografie (CE-T1-MRT); die PET-Diagnostik ist aber nur an wenigen Standorten verfügbar. Die deutsche multizentrische GLIAA-Studie zeigt jetzt erstmals: beide Bildgebungsverfahren sind für die Bestrahlungsplanung und die anschließende Krankheitsbeherrschung gleichwertig anzusehen (1).

Patienten mit Glioblastom werden, wenn möglich, multimodal mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie behandelt. Die Prognose ist aber weiterhin schlecht, und praktisch alle Patienten erleiden nach Monaten oder Jahren einen örtlichen Rückfall. Eine palliative Re-Bestrahlung ist oft sinnvoll, aber die bildgebende Diagnostik ist besonders anspruchsvoll, weil Rezidivtumore und posttherapeutische Veränderungen schwierig zu differenzieren sind. Bisher war klar, ob die übliche MRT-Diagnostik ausreichend ist oder die PET-Diagnostik bevorzugt werden sollte (2).

In der von der Deutschen Krebshilfe geförderten GLIAA-Studie (NOA-10-Studie bzw. ARO-2013-01) wurden von 2013 bis 2021 insgesamt 200 Patientinnen und Patienten mit rezidiviertem Glioblastom aus 15 teilnehmenden radioonkologischen Zentren eingeschlossen. Alle Patienten erhielten sowohl ein FET-PET als auch ein MRT, aber zur Bestrahlungsplanung wurde entweder das FET-PET oder MRT (jeweils bei 100 Patienten) eingesetzt. Die mit den beiden Verfahren ermittelten Bestrahlungsvolumina waren sehr ähnlich, im Median 7,2 ml in der FET-PET-Gruppe und 6,1 ml in der MRT-Gruppe; allerdings waren die so ermittelten Volumina nicht vollkommen identisch mit nicht-überlappenden Anteilen von 3,2 bzw. 2,7 ml. Die Behandlung war eine stereotaktische fraktionierte Strahlentherapie des Tumorrezidivs mit 13 Fraktionen mit jeweils 3 Gy. Bezüglich des medianen progressionsfreien Überlebens (4,0 bzw. 4,9 Monate) und der lokalen Tumorkontrollrate nach einem Jahr (22% versus 20%) bestanden keine signifikanten Unterscheide zwischen der Planung mit FET-PET oder MRT. Die Re-Bestrahlung wurde gut vertragen; die kumulative Häufigkeit von Nebenwirkungen Grad 3 oder höher betrug 12% bzw. 14% für akute Nebenwirkungen und 20% bzw. 16% für relevante Spätfolgen.

Frau Prof. Anca Grosu, die Leiterin der Studie, betont, dass durch die GLIAA-Studie nicht nur erstmals die Gleichwertigkeit der eingesetzten Bildgebungsverfahren für die Tumorkontrolle gezeigt wurde. Außerdem wurden auch wichtige Erkenntnisse über Sicherheit und Effektivität der Re-Bestrahlung gewonnen, die Empfehlungen für die Rezidivtherapie unterstützen (3). Frau Prof. Ursula Nestle, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Radioonkologie (ARO), betont die hohen Qualitätsanforderungen der Studie, die einen zukünftigen Standard für die Rezidivtherapie definieren.

Ansprechpartner für Rückfragen:
Frau Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Anca L. Grosu
Ärztliche Direktorin der Klinik für Strahlentherapie
Universitätsklinikum Freiburg
Robert-Koch-Straße 3, 79106 Freiburg
Telefon: (0761) 270-94610
E-Mail: anca.grosu@uniklinik-freiburg.de

Referenzen:
1. Grosu AL, Weber WA, Graf E et al. O-(2-[18F]fluoroethyl)-L-tyrosine-PET-guided versus contrast-enhanced T1-weighted MRI-guided re-irradiation in patients with recurrent glioblastoma (GLIAA/NOA-10 ARO2013-01): a multicentre, open-label, randomised trial. Lancet Oncol 2026; 27: 169-18
2. de Zwart PL, van Dijken BRJ, Holtman GA, et al. Diagnostic accuracy of PET tracers for the differentiation of tumor progression from treatment-related changes in high-grade glioma: a systematic review and meta-analysis. J Nucl Med 2020; 61: 498–504.
3. Andratschke N, Heusel A, Albert NL, et al. ESTRO/EANO recommendation on reirradiation of glioblastoma. Radiother Oncol 2021; 204: 110696.

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Strahlentherapie: höchste Sicherheit und Komfort für Patientinnen und Patienten

Berlin, 19.02.2026 – Die moderne Strahlentherapie ist nicht nur sehr sicher, sondern durch technologischen Fortschritt und besseres biologisches Verständnis der Strahlenwirkung werden die Therapiekonzepte auch komfortabler für Patientinnen und Patienten.

 

  • Sicherheit und Verträglichkeit

Strahlentherapie wird meistens sehr gut vertragen. Die Risiken sind gering und unabhängig vom Patientenalter. Altersbedingte Einschränkungen von Organfunktionen (z. B. Narkosefähigkeit für Operationen, Nierenfunktion bei medikamentöser Tumortherapie) spielen keine Rolle. Es ist deshalb zu erwarten, dass Strahlentherapie zukünftig für die onkologische Versorgung bei zunehmendem Alter der Patientinnen und Patienten und zunehmenden Komorbiditäten eine größere Rolle spielen wird.

Bei direktem Vergleich mit einer Operation als lokalem Therapieverfahren schneidet die Strahlentherapie bei einer zunehmenden Zahl von Erkrankungen sehr günstig ab, z. B. bei Oropharynxkarzinomen, kleinen Lungentumoren der Kategorie T1 und lokalisiertem Prostatakrebs (1, 2).

Zunehmende Bedeutung haben hochpräzise Bestrahlungen, z. B. als lokal ablative Therapie von Oligometastasen. In der kürzlich publizierten kanadischen GROUQ-PCS-9-Studie erhielten Patientinnen und Patienten mit einem oligometastasierten Prostatakarzinom entweder nur eine medikamentöse Therapie oder auch eine zusätzliche Strahlentherapie der Metastasen; die Krankheitsbeherrschung wurde durch die Strahlentherapie wesentlich verbessert und die Rate an Nebenwirkungen war in beiden Gruppen identisch (3).

  • Patientenkomfort

Für viele Erkrankungssituationen ist heute eine hypofraktionierte Bestrahlung möglich; dadurch wird die Zahl der ambulanten Behandlungstermine deutlich, d. h. auf etwa die Hälfte, manchmal sogar noch weniger, reduziert. Beispiele sind die postoperative Bestrahlung bei Brustkrebs, die Strahlentherapie bei Prostatakrebs und die Behandlung von Metastasen (4). Vor allem für Patientinnen und Patienten in ländlichen Regionen mit langen Anfahrtswegen zur nächsten Strahlentherapie ist das eine wesentliche Erleichterung.

Moderne Bestrahlungsgeräte verfügen zunehmend auch über Systeme, die die Oberflächenkontur des Patienten/der Patientin erkennen und dadurch die Positionierung bei der Bestrahlung kontrollieren können. Dadurch wird die Bestrahlung nicht nur präziser, sondern man kann auch in vielen Fällen auf Hautmarkierungen verzichten (5, 6).

Effektivität, Sicherheit und Patientenkomfort werden in der Strahlentherapie auch zukünftig weiter zunehmen, da dieses Fachgebiet von technologischen Entwicklungen in Robotik und Informatik in besonderer Weise profitiert.

 

Referenzen:

  1. Nichols AC, Theurer J, Prisman E et al. Radiotherapy Versus Transoral Robotic Surgery for Oropharyngeal Squamous Cell Carcinoma: Final Results of the ORATOR Randomized Trial. J Clin Oncol 2024; 42: 4023-4028
  2. van As N, Yasar B, Griffin C et al. Radical Prostatectomy Versus Stereotactic Radiotherapy for Clinically Localised Prostate Cancer: Results of the PACE-A Randomised Trial. Eur Urol 2024; 86: 566-576
  3. Niazi T, Saad F, Tisseverasinghe S et al. Metastases-directed therapy in addition to standard systemic therapy in oligometastatic castration-resistant prostate cancer in Canada (GROUQ-PCS 9): a multicentre, open-label, randomised, phase 2 trial. Lancet Oncol 2025; 26: 1158-1167
  4. Coles CE, Haviland JS, Kirby AM et al. Dose-escalated simultaneous integrated boost radiotherapy in early breast cancer (IMPORT HIGH): a multicentre, phase 3, non-inferiority, open-label, randomised controlled trial. Lancet 2023; 401: 2124-2137
  5. Essers M, Mesch L, Beugeling M et al. Goodbye face masks! Accurate head and neck radiotherapy using individual dorsal shells and surface guidance. Radiother Oncol 2025 Jul; 208: 110909. doi: 10.1016/j.radonc.2025.110909
  6. Laaksomaa M, Ahlroth J, Pynnönen K et al. AlignRT®, Catalyst™ and RPM™ in locoregional radiotherapy of breast cancer with DIBH. Is IGRT still needed? Rep Pract Oncol Radiother. 2022 Oct 31; 27 (5): 797-808. doi: 10.5603/RPOR.a2022.0097

 

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Strahlentherapie: wichtige Ergebnisse aus aktuellen klinischen Studien

Berlin, 19.02.2026 –  Übersicht über einige wichtige Studien der letzten Monate.

 

Strahlentherapie zum Organerhalt und als schonende Alternative zu großen Operationen

Eine moderne Strahlentherapie erweist sich zunehmend als schonende Alternative zu Operationen; oft ist dadurch ein Organerhalt möglich. Seit Jahrzehnten wird dies praktiziert bei Brustkrebs, Kehlkopfkrebs, Weichgewebstumoren oder Analkarzinomen, bei denen Amputationen oder Radikaloperationen kaum noch nötig sind. Neuere Beispiele sind:

  • HPV-positive Oropharynxkarzinome: Diese Tumorentität nimmt, vor allem in den Industrienationen, seit einigen Jahren stark zu. Neben der Heilung kommt es auch auf den Erhalt von Schluck- und Sprechfunktion an. HPV-positive Tumoren reagieren sehr empfindlich auf Strahlentherapie oder Radiochemotherapie. Die ORATOR-Studien zeigen, dass eine Bestrahlung bzw. Radiochemotherapie mindestens so effektiv ist wie eine Operation bei besserem Erhalt der Schluckfunktion (1).
  • Lokalisiertes Prostatakarzinom: Die britische PACE-A-Studie ist ein direkter Vergleich von moderner Operation (mit dem DaVinci-Roboter) und hochpräziser stereotaktischer Bestrahlung. Erste Ergebnisse zeigen deutlich bessere Kontinenz und Sexualfunktion nach Strahlentherapie, sogar mit wesentlich größerem Unterschied als erwartet (2).
  • Bei Harnblasenkarzinom gibt es zwar keine randomisierten Studien, die radikale Zystektomie mit organerhaltender Radiochemotherapie vergleichen, aber alle Meta-analysen prospektiver Studien zeigen identische Überlebensraten und etwa 70 bis 80 % der mit Strahlentherapie behandelten Patientinnen und Patienten behalten eine normal funktionierende Harnblase
  • Tief sitzende Enddarmtumoren: Wenn Tumoren im Enddarm (Rektumkarzinome) sehr nah am Schließmuskel liegen, werden sie bisher mit einer präoperativen Radiochemotherapie und anschließenden Entfernung des Enddarms und Anlegen eines dauerhaften künstlichen Darmausgangs behandelt. Neuere Studien zeigen, dass auf die Operation oft verzichtet werden kann, wenn nach der präoperativen Behandlung eine komplette Remission eingetreten ist (3).
  • Hochpräzise stereotaktische Bestrahlungen zeigen in prospektiven Studien hohe Effektivität bei Tumoren, die bisher als strahlenresistent galten, z. B. Nierenkarzinome (FASTRACK-II-Studie, 70 Patientinnen und Patienten mit T1-Nierenkarzinomen, stereotaktische Einzeitbestrahlung mit 26 Gy, 100 % lokale Kontrolle über medianes Follow-up von 43 Monaten, keine Grad-4-NW oder therapieassoziierten Todesfälle) oder Lebertumoren (NRG-Oncology/RTOG-1112-Studie, 193 Patientinnen und Patienten mit inoperablen Lebertumoren und Standardtherapie mit Sorafenib, signifikante Verbesserungen von progressionsfreiem Überleben und Gesamtüberleben durch zusätzliche stereotaktische Strahlentherapie) (4, 5).

 

Strahlentherapie von Oligometastasen 

Bei Patientinnen und Patienten mit einer begrenzten Zahl von Metastasen kann die Strahlentherapie der Metastasen (meistens als Ergänzung zur üblichen medikamentösen Therapie) den Krankheitsverlauf verbessern; für bestimmte Patientengruppen ist dadurch sogar eine Langzeitremission möglich. Dies betrifft vor allem Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligen Lungentumoren und Prostatakarzinomen. Die Strahlentherapie kann auch dazu beitragen, eine belastendere medikamentöse Therapie zu vermeiden oder hinauszuzögern und die Lebensqualität zu verbessern, z. B. bei Prostatakrebs (6) oder oligometastasierten Kopf-Hals-Tumoren (7).

 

Referenzen:

  1. Palma DA, Prisman E, Berthelet E et al. Radiation vs. trans-oral surgery for treatment de-escalation in HPV-related oropharyngeal cancers: Primary analysis of the ORATOR2 randomized. Eur J Cancer 2025; 220: 115343. doi: 10.1016/j.ejca.2025.115343
  2. van As N, Yasar B, Griffin C et al. Radical prostatectomy versus stereotactic radiotherapy for clinically localised prostate cancer: Results of the PACE-A randomised trial. Eur Urol. 2024. doi: 10.1016/j.eururo.2024.08.030
  3. Williams H, Fokas E, Diefenhardt M et al. Survival among patients treated with total mesorectal excision or selective watch-and-wait after total neoadjuvant therapy: a pooled analysis of the CAO/ARO/AIO-12 and OPRA randomized phase II trials. Ann Oncol. 2025; 36: 543-547
  4. Siva S, Bressel M, Sidhom M et al. Stereotactic ablative body radiotherapy for primary kidney cancer (TROG 15.03 FASTRACK II): a non-randomised phase 2 trial. Lancet Oncol 2024; 25: 308-31
  5. Dawson LA, Winter KA, Knox JJ et al. Stereotactic Body Radiotherapy vs Sorafenib Alone in Hepatocellular Carcinoma: The NRG Oncology/RTOG 1112 Phase 3 Randomized Clinical Trial JAMA Oncol 2025; 11: 136-144
  6. Niazi T, Saad F, Tisseverasinghe S et al. Metastases-directed therapy in addition to standard systemic therapy in oligometastatic castration-resistant prostate cancer in Canada (GROUQ-PCS 9): a multicentre, open-label, randomised, phase 2 trial. Lancet Oncol 2025; 26: 1158-67
  7. Thariat J, Bosset M, Falcoz A et al. Survival without quality-of-life-deterioration in the GORTEC-201404 “OMET” randomized phase 2 trial in patients with head and neck cancer with oligometastases using stereotactic ablative radiation therapy (SABR) alone or chemotherapy and SABR. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2025 Apr 1;121(5):1194-1206. doi: 10.1016/j.ijrobp.2024.11.084. Epub 2024 Nov 28. PMID: 39612953.

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Technische Entwicklungen in der Strahlentherapie: hochpräzise personalisierte Therapie durch KI-assistierte Planung, adaptive Strahlentherapie und Hybridgeräte

Berlin, 19.02.2026 –  In der Strahlentherapie ist technologischer Fortschritt in besonderer Weise auch mit direkten Vorteilen für Patientinnen und Patienten verbunden, denn in den letzten 20 bis 30 Jahren hat jede technologische Neuerung auch signifikante Verbesserungen für Patientinnen und Patienten gebracht, belegt durch randomisierte Studien. Die Dynamik der Innovationen hat sich sogar beschleunigt. Wichtige aktuelle Forschungsthemen und Entwicklungen betreffen folgende Bereiche:

 

  • Hochpräzise Bestrahlungen und bildgeführte Strahlentherapie

Durch die immer präziseren Bestrahlungstechniken kann das Tumorgewebe mit deutlich höheren Dosen in kürzerer Zeit bestrahlt werden, wodurch auch früher als strahlenresistent angesehene Tumoren effektiv behandelt werden können, ohne schwerwiegende Nebenwirkungen an umliegenden Organen zu verursachen (1).

  • KI-assistierte Bestrahlungsplanung

Die Bestrahlungsplanung ist bisher ein sehr personalintensiver Arbeitsprozess, in den Fachärztinnen und -ärzte (v. a. Definition des Zielvolumens, Konturierung von Risikoorganen) sowie Medizinphysikerinnen und -physiker (Auswahl der Bestrahlungstechnik, Dosisberechnung etc.) gemeinsam involviert sind. Diese Prozesse können vor allem bei häufigen Erkrankungssituationen, für die zahlreiche Standards definiert sind, durch Einsatz von KI erheblich beschleunigt werden. Dadurch können nicht nur individuelle Besonderheiten des Patienten/der Patientin und der Erkrankung noch besser berücksichtigt werden, sondern die höhere Effektivität, bezogen auf den Personaleinsatz, kann zukünftig auch bei steigenden Patientenzahlen in der Onkologie und geringeren Personalressourcen eine wichtige Rolle für die Versorgungssituation spielen (2).

  • Adaptive Strahlentherapie

Auch bei adaptiver Strahlentherapie wird KI eingesetzt. Moderne Bestrahlungsgeräte können schon seit Jahren Bewegungen des Patienten/der Patientin, z. B. durch Atmung, registrieren und ggf. anpassen. Neu ist, dass auch morphologische Änderungen innerer Organe, z. B. durch von Tag zu Tag geänderten Füllungszustand, registriert und berücksichtigt werden können; solche Änderungen können relevant sein bei der Bestrahlung von Organen mit variablem Füllungszustand (z. B. organerhaltende Behandlung von Harnblasenkarzinomen) oder bei sehr engen Lagebeziehungen lagevariabler Organe zum Zielgebiet (z. B. zur Schonung von Darm und Blase bei der hochdosierten Bestrahlung von Prostatakrebs). Dazu wird vor jeder Bestrahlungsfraktion die Lage sämtlicher Organe im Zielgebiet oder in der Nähe geprüft und der bereits vorhandene Bestrahlungsplan wird sofort neu berechnet und an die aktuelle Lage der Organe angepasst. Dadurch wird eine bislang unerreichte Personalisierung der Therapie erzielt, die morphologische Veränderungen der Tumorerkrankung in Echtzeit berücksichtigt (3).

  • Biologische Bestrahlungsplanung durch Einsatz metabolischer Bildgebung

Neue Methoden der Bildgebung liefern nicht nur sehr präzise Informationen über die Lage, sondern auch über das biologische Verhalten von Tumoren im Körperinneren, und diese können direkt bei der Bestrahlungsplanung verwendet werden. Ein Beispiel ist die PSMA-PET-gesteuerte Bestrahlung von Prostatakarzinomen, bei der die Strahlendosis in der Prostata moduliert und an die Lage und Konzentration von Tumorzellen angepasst wird, z. B. in der ARO-2020-01-Studie oder der FLAME-Studie (4, 5). Aber diese Informationen können auch zur Deeskalation der Therapie genutzt werden; in einer Studie aus New York war eine Radiochemotherapie mit nur 30 Gy Strahlendosis bei HPV-positiven Oropharynxkarzinomen äquieffektiv wie die sonst üblichen 66 Gy, wenn durch wiederholte PET-Bildgebung während der Strahlentherapie Tumorhypoxie ausgeschlossen wurde (6).

  • Hybridgeräte

Fast alle modernen Strahlentherapiegeräte sind schon eine Kombination aus Therapie- und Diagnostikgerät (z. B. Linearbeschleuniger und Cone-Beam-Computertomographie). Neu seit einigen Jahren sind MR-Linacs, also die Kombination aus MR-Tomograph und Linearbeschleuniger. Diese Geräte erlauben nicht nur eine bessere Bildgebung vor der Bestrahlung, sondern die Bildregistrierung kann auch während der Bestrahlung weiterlaufen, sodass 4D-Dosisverteilungen erzeugt werden können. Eine interessante Neuentwicklung ist die Kombination aus PET-CT und Linearbeschleuniger: Ein während der Untersuchung detektiertes PET-Signal wird mit einer Latenz von 0,4 Sekunden sofort bestrahlt, sodass als Zukunftsvision Tumoren und Metastasen in einem Arbeitsgang detektiert und sofort ablativ behandelt werden können (7).

Referenzen:

  1. Willmann J, von Wachter C, Zehnder R et al. Stereotactic Body Radiotherapy Without Systemic Therapy for Oligometastatic Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Netw Open. 2025 Dec 1; 8 (12): e2549685. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.49685
  2. Rühle, A. Künstliche Intelligenz in der Strahlentherapie. Forum2024; 39: 264-268. https://doi.org/10.1007/s12312-024-01353-6
  3. Pressemitteilung des Universitätsklinikums Münster vom 12.09.2024. https://www.ukm.de/aktuelles/neue-aera-personalisierter-tumormedizin-in-der-strahlentherapie-dank-kuenstlicher-intelligenz. Zugriff 06.02.2026
  4. Menne Guricová K, Draulans C, Pos FJ et al. Focal Boost to the Intraprostatic Tumor in External Beam Radiotherapy for Patients With Localized Prostate Cancer: 10-Year Outcomes of the FLAME Trial. J Clin Oncol 2025; 43: 3065-3069
  5. Spohn SKB, Zamboglou C, Bürkle SL et al. Safety and quality of life of PSMA-PET- and MRI-based focal dose escalated radiotherapy for intermediate- and high-risk prostate cancer: Primary endpoint analysis of the bi-centric phase II HypoFocal trial (ARO2020-01). Radiother Oncol 2025; 208: 110883. doi: 10.1016/j.radonc.2025.110883
  6. Lee NY, Sherman EJ, Schöder H et al. Hypoxia-Directed Treatment of Human Papillomavirus-Related Oropharyngeal Carcinoma. J Clin Oncol 2024; 42: 940-950
  7. Vitzthum LK, Surucu M, Gensheimer MF et al. BIOGUIDE-X: A First-in-Human Study of the Performance of Positron Emission Tomography-Guided Radiation Therapy. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2024; 118: 1172-1180

 

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Pressekonferenz der ARO und der DEGRO auf dem Deutschen Krebskongress // zusammen – gezielt – zukunftsfähig

 

 

Donnerstag, 19.02.2026, 13.00 – 14.00 Uhr

Pressebereich des Deutschen Krebskongresses/Raum M8 (und digital)

CityCube Berlin

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Motto des Deutschen Krebskongresses 2026 lautet „zusammen – gezielt – zukunftsfähig“. Es bringt damit auch prägnant die Attribute der modernen Strahlentherapie auf den Punkt: Die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen im Kampf gegen Krebs ist essenziell und als Fach mit wachsendem Einsatzgebiet nimmt die Radioonkologie eine wichtige Rolle in der interdisziplinären Krebsmedizin ein. Denn innovative Technologien ermöglichen eine zunehmend präzisere und gezieltere Bestrahlung – und machen die Strahlentherapie als hochwirksame und gleichzeitig schonende Krebstherapie effizient und zukunftsfähig.

Auf der Pressekonferenz der DEGRO auf dem Deutschen Krebskongress am 19. Februar 2026 werden die aktuellen Entwicklungen in der Strahlentherapie vorgestellt und diskutiert:

 

  • Begrüßung und Einführung

Prof. Dr. Dirk Vordermark, Präsident der DEGRO, Halle a. d. Saale

Prof. Dr. Wilfried Budach, Generalsekretär der DEGRO, Berlin

  • Technologische Innovationen in der Strahlentherapie: Hoher Mehrwert für Patientinnen und Patienten – und gesundheitsökonomisch vorteilhaft

Univ. Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Anca-Ligia Grosu, Freiburg, President-Elect der DEGRO

Der rasante technologsiche Fortschritt in der Strahlentherapie bringt, wie viele Studien  gezeigt haben, große Vorteile für Krebspatientinnen und -patienten, und zwar im Hinblick auf Therapieeffizienz und -sicherheit. Kurz gesagt: Die Strahlentherapie wird zunehmend wirksamer und gleichzeitig nebenwirkungsärmer. Prof. Grosu wird dies anhand aktueller Entwicklungen ausführen. Beispielweise ermöglicht die Steuerung der Therapie durch die moderne Bildgebung in Echtzeit (PSMA-PET-gesteuerte Radiotherapie) eine Präzisionsbestrahlung des Tumors und schont vulnerables Gewebe. Ganz neu ist die Kombination aus Linearbeschleuniger und PET (Reflexion X1). Auch der Einsatz von KI verbessert die Bestrahlungsplanung und macht sie zudem effizienter, auch im Hinblick auf Personalplanung und Kosten.

  • Neue Indikationen und Anwendungsgebiete der Strahlentherapie

Prof. Dr. med. Ursula Nestle, Mönchengladbach, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Radiologische Onkologie (ARO) der Deutschen Krebsgesellschaft

Dr. Livia Schmidt, Düsseldorf, Sprecherin der jungen DEGRO (jDEGRO)

Dank der technischen Innovationen erweitert sich zunehmend auch das Indikationsspektrum der Strahlentherapie. Wie die beiden Expertinnen ausführen werden, ist sie bereits jetzt schon bei vielen Krebserkrankungen eine schonende Alternative zur Operation, die in manchen Fällen, z. B. bei Prostata- oder Blasenkrebs, sogar den Organerhalt ermöglicht. Darüber hinaus ergänzt sie zunehmend auch etablierte Behandlungskonzepte und trägt zu einem geringeren Rezidivrisiko bei.

  • Mehr Patientensicherheit und Patientenkomfort in der Strahlentherapie

Prof. Dr. med. Mechthild Krause, Dresden, Past-Präsidentin der DEGRO

Schon immer galt die Bestrahlung als wirkungsvolle, aber „sanfte“ Krebstherapie und kommt auch deshalb in der Palliativsituation zum Einsatz. Durch die technologischen Innovationen, die die Strahlendosis präzise und nahezu ausschließlich an den Tumor bringen, ist sie zudem insgesamt sehr viel effizienter geworden. Das bedeutet: Die gleiche Strahlendosis lässt sich in wenigen Sitzungen applizieren (sogenannte Hypofraktionierung) – bei gleicher Wirksamkeit, wie viele Studien gezeigt haben. Das ist für die Betroffenen sehr viel komfortabler und für das Gesundheitssystem kostengünstiger. Aktuell wurde die Empfehlung zur hypofraktionieren Strahlentherapie in die S3-Leitlinie Prostatakarzinom.

  • Wrap-up und Schlusswort

Prof. Dr. Dirk Vordermark, Präsident der DEGRO, Halle a. d. Saale

 

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme an der DEGRO-Pressekonferenz und bitten um eine kurze Voranmeldung per E-Mail an office@degro.org .

HINWEIS: Für die Präsenz-Teilnahme vor Ort (CityCube, Raum M8) benötigen Sie eine Presseakkreditierung zum Deutschen Krebskongress 2026. Als Medienvertreter*in können Sie diese bis zum 11.02.2026, 12 Uhr, online beantragen, unter https://www.deutscher-krebskongress.de/newsroom/akkreditierung .

 

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Prof. Dr. Jürgen Dunst

Professor em. für Strahlentherapie

Tel. + 030 84419188

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Strahlentherapie bei Brustkrebs: Nachbestrahlung nach Brustentfernung (Mastektomie) ist bei mäßig-hohem Rückfallrisiko nicht erforderlich

Patientinnen, denen aufgrund von Brustkrebs die gesamte Brust operativ entfernt wurde (Mastektomie), müssen nicht zusätzlich bestrahlt werden, wenn die feingewebliche Untersuchung nur ein mittleres Rückfallrisiko ergibt. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle britische SUPREMO-Studie. (1)

Die meisten Patientinnen mit Brustkrebs werden heute brusterhaltend behandelt, also mit einer „kleinen“ Operation und zusätzlicher Bestrahlung der Brust. Wenn die Brust entfernt wurde (Mastektomie), wird bei hohem Rückfallrisiko ebenfalls eine postoperative Bestrahlung der Brustwand (Postmastektomie-Radiotherapie, PMRT) empfohlen. Ob eine PMRT auch bei nur mäßig hohem Rückfallrisiko sinnvoll ist, war bisher unklar.
Die britische SUPREMO-Studie (Selective Use of Postoperative Radiotherapy aftEr MastectOmy) untersuchte diese Frage bei Patientinnen in den Krankheitsstadien pT1-2 N1 oder pT2 N0 mit G3 und/oder Lymphgefäßinvasion, die zuvor mit Brustentfernung (Mastektomie) und Ausräumung der Achsellymphknoten (Axilladissektion) behandelt worden waren. 1679 Patientinnen wurden in den Jahren 2006 bis 2013 an 173 Kliniken, überwiegend in Großbritannien, in die Studie aufgenommen und erhielten entweder nur eine typische adjuvante medikamentöse Therapie (Kontrollarm) oder eine identische medikamentöse Therapie plus eine Strahlentherapie der Brustwand. Die meisten Patientinnen waren in der Kategorie pN1 und hatten 1-2 befallene axilläre Lymphknoten (durchschnittlich 1,2 befallene LK).
Die Heilungsraten waren in beiden Gruppen viel besser als erwartet mit einer 10-Jahres-Überlebensrate von 81,4% bzw. 81,9%; bei der Planung der Studie war eine Überlebensrate nach 10 Jahren von 56% im Kontrollarm kalkuliert worden. Zwar kam es durch die Bestrahlung signifikant seltener zu einem erneuten Tumor an der Brustwand (nach zehn Jahren 1,1 Prozent statt 2,5 Prozent). Dieser Unterschied war jedoch sehr klein und hatte keinen Einfluss darauf, wie lange die Patientinnen insgesamt lebten. Die Strahlentherapie wurde gut vertragen; im Vergleich zum Kontrollarm kam es kaum zu vermehrten Nebenwirkungen.

Die gute Nachricht für Patientinnen, das betont Frau Prof. Juliane Hörner-Rieber (Düsseldorf) von der DEGRO-Arbeitsgruppe Mammakarzinom, ist die in der SUPREMO-Studie in beiden Armen beobachtete hohe Heilungsrate, die deutlich oberhalb der bei der Studienplanung angenommen Werte liegt. Das beruht vor allem auf der besseren Diagnostik und medikamentösen Therapie bei Risikogruppen. Dass die zusätzliche Strahlentherapie bei so niedrigem Rückfallrisiko keinen zusätzlichen Vorteil zeigte, überrascht daher nicht. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die in der SUPREMO-Studie durchgeführte Operation (Brustentfernung, bei Lymphknotenbefall mit zusätzlicher radikaler Achselausräumung) für die meisten Patientinnen bereits eine Übertherapie darstellte, denn diese Frauen werden heute sehr viel schonender behandelt mit brusterhaltender Operation und Strahlentherapie und Verzicht auf Achselausräumung. Wenn eine Brustentfernung durchgeführt wurde und nur 1-2 Lymphknoten befallen waren (was in der SUPREMO-Studie der Fall war), wird schon seit Jahren bei vielen Patientinnen auf eine Postmastektomie-Bestrahlung verzichtet. Und ob bei Patientinnen mit 3 (oder mehr) befallenen Lymphknoten oder einer Tumorgröße > 5 cm auf eine Bestrahlung verzichtet werden kann, wird durch die SUPREMO-Studie nicht beantwortet, weil diese Patientengruppe nicht ausreichend repräsentiert war.

Prof. David Krug (Kiel) weist darauf hin, dass die Daten der SUPREMO-Studie bereits in der neuen S3-Leitlinie erwähnt sind. Bei Patientinnen, die den SUPREMO-Kriterien entsprechen (1-2 LK befallen und eher günstige Risikokonstellation sowie mit radikaler Achselausräumung) sollte man auf eine Bestrahlung verzichten, wenn moderne systemische Therapieschemata eingesetzt werden. Andere Patientinnen sollte man detailliert im Tumorboard besprechen und individuell beraten.

DEGRO-Expertenteam für Rückfragen:
Prof. Dr. Juliane Hörner-Rieber, Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum Düsseldorf, E-Mail: juliane.hoerner-rieber@med.uni-duesseldorf.de
Prof. Dr. David Krug, Klinik für Strahlentherapie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, E-Mail: david.krug@uksh.de

Referenzen:
Kunkler IH, Russell NS, Anderson N et al. Ten-Year Survival after Postmastectomy Chest-Wall Irradiation in Breast Cancer. N Engl J Med 2025; 393: 1771-1783.

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Prof. Dr. Jürgen Dunst
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30 Jahre DEGRO – 30 Jahre Exzellenz in der Radioonkologie – 30 Jahre „Strahlen für das Leben“

Berlin, 19.11.2025 – Die Radioonkologie ist eine relativ junge Disziplin. Erst 1995 wurde die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) gegründet, die sich um die strahlentherapeutische Fort- und Weiterbildung kümmert und die radioonkologische Forschung vorantreibt. Mit Erfolg: Heute zählt die DEGRO 2.437 Mitglieder – und der Trend steigt weiter an. Kein Wunder, denn zum einen kommen radiotherapeutische Verfahren immer breiter zur Anwendung, auch in der Primärtherapie von Tumorerkrankungen, zum anderen ist der technologische Fortschritt durch Digitalisierung und KI rasant.

1995 – und damit genau 100 Jahre nach Entdeckung der Röntgenstrahlen – wurde die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) gegründet. Heute, nach 30 Jahren, ist die Radioonkologie nicht mehr aus der Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten in Deutschland wegzudenken. Die Strahlentherapie stellt neben der Chirurgie und der internistischen Onkologie die dritte Säule der Krebsbehandlung dar, fast jeder zweite Krebskranke erhält im Laufe seiner Behandlung eine Strahlentherapie – zunehmend auch als erste oder gar einzige Therapie.

„Die Forschungsdynamik im Bereich der Radioonkologie ist enorm und entsprechend wichtig war seinerzeit wie natürlich auch heute eine eigenständige Fachgesellschaft, um die Fort- und Weiterbildung voranzutreiben, die radioonkologische Forschung zu vernetzen und intensivieren und natürlich auch die Patientenversorgung zu verbessern“, erklärt DEGRO-Generalsekretär Prof. Dr. Wilfried Budach.

Vor 30 Jahren gab es allerdings Widerstände, wie der Gründungsinitiator Prof. Dr. Michael Bamberg, Tübingen, ausführt. Die Radioonkologie hatte sich aus der Radiologie entwickelt und die Gründung einer auf die onkologische Therapie spezialisierte Fachgesellschaft wurde zunächst nicht von allen Kolleginnen und Kollegen begrüßt. „Es fielen Worte wie `Spaltpilz und Zerstörer‘ – und das, obwohl es bereits eine europäische radioonkologische Gesellschaft gab und auch die Nuklearmediziner bereits eine eigene Fachgesellschaft gegründet hatten“, erinnert sich Bamberg. Heute blickt der Experte zurück und freut sich, dem „Gegenwind“ standgehalten zu haben. „Wie sähe sonst die Versorgung von Menschen mit Krebs in Deutschland aus? Erst eine eigene Fachgesellschaft konnte die Grundlagen schaffen, sich so zu spezialisieren und die radioonkologische Versorgung in dieser Exzellenz in die Breite zu tragen, und zwar von Anfang an als eigene Facharztdisziplin.“

In der Tat, etwas anderes ist heute nicht mehr denkbar. Denn der technologische Fortschritt und die Dynamik in der onkologischen bzw. radioonkologischen Forschung sind rasant. „Während die Strahlentherapie anfangs noch überwiegend in der Palliativversorgung eingesetzt wurde, stellt sie nun bei einer zunehmenden Zahl an Indikationen die Primärtherapie dar.“ Hintergrund ist, dass die Therapie immer präziser und damit wirksamer, aber gleichzeitig nebenwirkungsärmer geworden ist. Dafür sorgen moderne, KI-gestützte Technologien, die beispielsweise in Echtzeit während der Bestrahlung das Bestrahlungsfeld anpassen.

„Ob Prostatakrebs, Blasenkrebs oder Lungenkrebs, in vielen Fällen kann die Radiotherapie heute schon invasive operative Behandlungen ersetzen, und zwar bei ähnlich guter Tumorkontrolle und besserer Lebensqualität durch den Organerhalt“, erklärt der aktuelle Präsident der DEGRO, Prof. Dr. Dirk Vordermark, Halle. Ein weiterer Erfolg der modernen Strahlentherapie ist, dass heute sogar vereinzelte, z. T. auch nicht operable Metastasen, beispielsweise im Gehirn, komplett zerstört werden können, was einen Paradigmenwechsel in der Krebsmedizin herbeigeführt habe: „Während noch vor wenigen Jahren Menschen mit ein, zwei Metastasen als palliativ eingestuft wurden, ist nun dank der gezielten Bestrahlung ein Langzeitüberleben möglich.“ Ein enormer Fortschritt, der sich nahezu unbemerkt und ohne großes mediales Aufsehen vollzogen habe.

Wie Professor Vordermark weiter betont, sei die Exzellenz des Fachgebiets ohnehin nur selten Gegenstand des öffentlichen Diskurses. Das sei womöglich auch althergebrachten Vorurteilen geschuldet. „Noch immer gibt es Ängste, wenn Strahlen zu Therapiezwecken eingesetzt werden, dabei sind Strahlen unser ‚Instrument‘, das wir sicher, kontrolliert und zielgenau einsetzen – letztlich so wie ein Chirurg sein Skalpell.“

Bereits vor 30 Jahren wollte man über die Bestrahlung aufklären und das Ansehen der Strahlentherapie positiv prägen, so brachte Gründungsinitiator Bamberg zusammen mit Prof. Dr. Marie-Luise Sautter-Bihl die Broschüre „Strahlen für das Leben“ heraus. Doch, wie der aktuelle DEGRO-Präsident, Prof. Vordermark, erklärt, müsse man noch immer, auch 30 Jahre später, die gleiche Aufklärungsarbeit leisten wie damals: „Für uns Radioonkologinnen und Radioonkologen mutet das mitunter seltsam an. Wir haben Hightech-Verfahren, die eine millimetergenaue und nebenwirkungsarme Therapie erlauben, und müssen mit Vorurteilen aufräumen, die aus einer ganz anderen technologischen Ära stammen. Die heutige Radioonkologie ist mit der nicht-digitalisierten von vor 30 Jahren nicht zu vergleichen.“

Entsprechend sehen Generalsekretär und Präsident nun eine dringliche Aufgabe darin, die Patienten, aber auch die Fachgemeinschaft über die Forschungsfortschritte zu informieren. „Noch immer gibt es Betroffene, die nicht über gleichwertige, aber nebenwirkungsärmere Behandlungsoptionen aus der Radioonkologie informiert werden und denen somit die Option für eine Therapieentscheidung genommen wird. Hier Abhilfe zu schaffen, ist ein wichtiger Meilenstein, den wir zum Wohle der Patientinnen und Patienten erreichen möchten – und nicht erst nach weiteren 30 Jahren“, erklärt DEGRO-Generalsekretär, Prof. Dr. Wilfried Budach.

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Davida Drescher
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Zwei deutsche Radioonkologen, Prof. Dr. Hans T. Eich und Dr. Andreas Rimner, wurden zu ASTRO-Fellows ernannt

Berlin, 09.10.2025 – Auf dem 67. Jahreskongress der „American Society of Radiation Oncology“ (ASTRO) wurden Ende September in San Francisco zwei deutsche Radioonkologen mit dem Fellowship der ASTRO (FASTRO) gewürdigt: Univ.-Prof. Dr. Hans Theodor Eich, Direktor der Klinik für Strahlentherapie & Radioonkologie der Universität Münster, und Dr. Andreas Rimner, stellvertretender ärztlicher Direktor und leitender Oberarzt der Klinik für Strahlenheilkunde an der Universität Freiburg. Diese Auszeichnung ist eine besondere Ehrung der persönlichen Leistung beider Wissenschaftler, illustriert nach Ansicht der DEGRO aber auch den hohen Stellenwert, den die deutsche Radioonkologie international genießt.

„Es ist eine große Ehre, in die ‚Hall of Fame‘ der Radioonkologie aufgenommen worden zu sein“, erklärt Dr. Andreas Rimner, stellvertretender ärztlicher Direktor und leitender Oberarzt der Klinik für Strahlenheilkunde an der Universität Freiburg, kurz nach seiner Ernennung zum „ASTRO Fellow“. In der Tat stellt ein solches Fellowship eine große Auszeichnung dar: In die „Class of Fellows 2025“ der „American Society for Radiation Oncology“ (ASTRO) wurden in diesem Jahr nur 43 neue Fellows aufgenommen, darunter als einzige Europäer Prof. Eich und Dr. Rimner. Insgesamt tragen nun 541 der über 10.000 ASTRO-Mitglieder weltweit den Titel „Fellow of ASTRO“ (FASTRO).
Der FASTRO-Status wird nach einem Punktesystem, in dem das langjährige Engagement in der amerikanischen Fachgesellschaft und die Verdienste um das Fach erfasst werden, vergeben. Zusätzlich sind herausragende Leistungen in mindestens zwei von vier Domänen erforderlich. Zu diesen gehören wissenschaftliche Expertise, Exzellenz in der Patientenversorgung, Fortbildung/Lehre sowie besondere Verantwortungen in Leitungsfunktionen innerhalb der ASTRO-Fachgesellschaft. Zu letzteren zählen z. B. Federführung bei der Erstellung von ASTRO-Leitlinien oder Leitung eines ASTRO-Komitees. Formales Kriterium ist darüber hinaus eine Vollmitgliedschaft in der ASTRO von mindestens 15 Jahren. Kandidierende können nur von FASTROs nominiert werden und bedürfen der Unterstützung von mindestens drei weiteren etablierten und renommierten Radioonkologinnen/Radioonkologen, die selbst FASTRO sind.

Dr. Rimner studierte in Tübingen Medizin und promovierte im Jahr 2000 in der Radioonkologie zum Thema „Identifizierung radio-induzierbarer Gene in humanen malignen Gliomzellen“. Anschließend ging er als Stipendiat ans Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, wo er fast 24 Jahre
blieb und seit 2010 das Lungenteam leitete. Seit Beginn 2024 ist er nun nach Deutschland zurückgekehrt und an der Universität Freiburg als leitender Oberarzt und stellvertretender ärztlicher Direktor in der Klinik für Strahlenheilkunde sowie als wissenschaftlicher Direktor des Comprehensive Cancer Center Freiburg tätig.

Auch der zweite, neu berufene ASTRO-Fellow, Prof. Eich, hat einen beeindruckenden Werdegang: Er studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo er heute nach Stationen in der Radiologie der Universität Essen und 14 Jahren Tätigkeit in der Klinik für Strahlentherapie der Uniklinik Köln, langjähriger Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie ist und außerdem als Vizedirektor das Westdeutsche Tumorzentrum, Netzwerkpartner Münster, leitet. Über viele Jahre war er in der ASTRO aktiv, darunter als Mitglied im Programmkomitee des ASTRO, Session Chair, „Discussant“ und langjährig als Abstract-Reviewer. Wissenschaftlich arbeitet Prof. Eich auf dem Gebiet der Radiotherapie von Lymphomerkrankungen, wo seine Forschung maßgeblich zu einer besseren Personalisierung der Therapie und nebenwirkungsärmeren Behandlung beigetragen hat. Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten hat er vielfach als Vorträge auf dem ASTRO, teilweise im Rahmen der Highlight-Sitzungen, der Plenary und Clinical Trial Sessions, vorstellen können. Sucht man ihn auf „Pubmed“, findet man ihn als Autor von mehr als 370 Arbeiten. Prof. Eich ist darüber hinaus Mitglied im Steering Komitee der „International Lymphoma Radiation Oncology Group“ (ILROG). In Deutschland leitet er als Referenzstrahlentherapeut der Deutschen Hodgkin Lymphom Studiengruppe (GHSG) und der „German Lymphoma Alliance“ (GLA) die Weiterentwicklung der strahlentherapeutischen Behandlung von Patientinnen und Patienten mit bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems.

„Wir freuen uns, dass die ASTRO mit Prof. Eich und Dr. Rimner zwei hochgeschätzte DEGRO-Mitglieder als Vertreter der deutschen Radioonkologie in den erlesenen Kreis der ASTRO-Fellow aufgenommen hat. Diese Auszeichnungen illustrieren die internationale Sichtbarkeit, die deutsche Radioonkologinnen und -onkologen weltweit genießen. In der Radioonkologie liegt der Forschungsstandort Deutschland weit vorn – unser Ziel ist nun, diese international wahrgenommene Exzellenz auch im eigenen Land bekannter zu machen und die Strahlentherapie als wichtige Säule in der Krebstherapie weiter zu stärken, und zwar nicht nur in der ‚Forschungs-Community‘, sondern gerade auch in der Wahrnehmung der Gesundheits- und Standespolitik sowie der Bevölkerung“, erklärt Prof. Dr. Wilfried Budach, Generalsekretär der DEGRO.

BU: Die beiden neu ernannten ASTRO-Fellows, Dr. Andreas Rimner (links) und Prof. Dr. Hans Theodor Eich (rechts), Copyright: © ASTRO/Todd Buchanan 2025
Hinweis: Bild kann in Druckqualität angefordert werden, auch Einzelportraits können bei der Pressestelle angefragt werden.

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„World Radiotherapy Awareness Day“: Strahlentherapie als wichtige Säule der Krebstherapie allen zugänglich machen

Berlin, 04.09.2025 – Am Sonntag ist „World Radiotherapy Awareness Day“. Mit diesem weltweiten Aktionstag soll auf die entscheidende Rolle der Strahlentherapie in der Krebstherapie hingewiesen werden sowie auf die Tatsache, dass es in vielen Ländern eine gravierende radioonkologische Unterversorgung gibt. So könnten mit einer verbesserten Versorgung pro Jahr etwa eine Million Menschenleben gerettet werden. Bei uns in Deutschland sind die Versorgungsstrukturen zwar sehr gut ausgebaut, dennoch werden nicht immer alle Patientinnen und Patienten, für die eine Strahlentherapie eine gleichwertige Therapiealternative darstellt, ausreichend über diese Behandlungsoption informiert.

Die Strahlentherapie ist neben der Operation und der systemischen Therapie mit Medikamenten eine der drei Säulen der Krebstherapie. Durch den stetigen technischen Fortschritt werden immer bessere Therapieergebnisse erzielt, bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen. Die Bestrahlung wird bei zunehmend mehr Krebsdiagnosen auch als Primärtherapie eingesetzt, auch gewinnt sie an Bedeutung als Teil der kombinierten Krebstherapie, ebenso aufgrund der guten Verträglichkeit in der palliativen Versorgung von Menschen mit Krebs.

„Als Radioonkologinnen und Radioonkologen wissen wir, dass die Strahlentherapie für die Heilung von Krebs, die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der Lebensqualität von entscheidender Bedeutung ist. Der Zugang zur Strahlentherapie steht in direktem Zusammenhang mit einer verbesserten Überlebensrate bei vielen Krebsarten“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Stephanie E. Combs, Pressesprecherin der DEGRO. „Wir setzten uns daher dafür ein, dass Krebspatientinnen und -patienten weltweit bei Bedarf eine Strahlentherapie erhalten, und unterstützen den ‚World Radiotherapy Awareness Day‘, der im Jahr 2025 zum ersten Mal am 7. September von den internationalen radioonkologischen Fachgesellschaften ausgerufen wurde.“

Diese internationale Kampagne hat das Ziel, global den Zugang zur Strahlentherapie zu verbessern.
Die von der Initiative zusammengetragenen Keyfacts [1] zeigen, warum:
– Über die Hälfte aller Menschen mit Krebserkrankungen benötigt eine Strahlentherapie, bei erkrankten Kindern ist es eines von dreien.
– Die Strahlentherapie trägt zu fast der Hälfte aller Krebsheilungen bei.
– Über 200 Millionen Menschen leben in Ländern ohne Zugang zu strahlentherapeutischer Versorgung.
– Mehr als 40 Länder in Asien und Afrika haben keine einzige Radioonkologin/ keinen einzigen Radioonkologen.
– Durch einen verbesserten Zugang zur radioonkologischen Therapie könnten pro Jahr etwa eine Million Menschenleben gerettet werden.

„Es ist also wichtig, die Strahlentherapie als tragende Säule der Krebstherapie weltweit allen Menschen zugänglich zu machen. Wir haben als Industrienationen hier auch eine Verantwortung für den globalen Süden“, so die Pressesprecherin.

Prof. Dr. Wilfried Budach, Generalsekretär der DEGRO, gibt zu bedenken, dass zum Aktionstag auch die Zugänglichkeit der Strahlentherapie in Deutschland hinterfragt werden müsse. „Wir haben eine ausgezeichnete und flächendeckende Versorgungssituation, dennoch gibt es viele Patientinnen und Patienten, die nicht über radioonkologische Therapieoptionen informiert werden. Sie wissen oft gar nicht, dass eine Strahlentherapie anstelle einer operativen Behandlung möglich gewesen wäre und mit ebenso guten Therapieergebnissen einhergeht. Noch immer ist die Strahlentherapie viel zu stark als Sekundär-, wenn nicht gar als Palliativtherapie, in den Köpfen der Patientinnen und Patienten, z.T. auch Primärversorger, verankert. Vielen Betroffenen entgeht die Chance auf eine ebenso wirksame, aber organerhaltende und damit in der Regel auch nebenwirkungsärmere Therapie.“

Die Gründe dafür seien systemisch, denn in Kliniken stehen die einzelnen Abteilungen letztlich auch immer im wirtschaftlichen Wettbewerb miteinander. „Der Radioonkologe/ die Radioonkologin wird in den seltensten Fällen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose in die Patientenberatung einbezogen“. Eine Lösung sieht Prof. Budach in der proaktiven Information und, bei Bedarf, im Einholen einer radioonkologischen Zweitmeinung. „Zu den häufigen Krebserkrankungen gibt es sehr gute und verständliche Patientenleitlinien. Ist dort die Strahlentherapie als gleichwertige Behandlungsalternative genannt, lohnt sich ein Termin in der Radioonkologie, damit Patientinnen und Patienten eine wirklich informierte Therapieentscheidung treffen können“.

Das Einholen einer Zweitmeinung wird in der Regel bei einer Krebserkrankung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, die DEGRO empfiehlt, vorab mit der eigenen Krankenkasse Rücksprache zu halten.

[1] https://9a148760-777b-4175-bdec-3425a0c445c4.usrfiles.com/ugd/9a1487_8da71d0e60dc4d0892dd5385751cf401.pdf

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DEGRO-Präsident im Interview

„Der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu, gerade auch als Primärtherapie, und Patientinnen und Patienten sollten über strahlentherapeutische Alternativen adäquat aufgeklärt werden“

Berlin, 28.08.2025 – Vor gut acht Wochen wurde Prof. Dr. Dirk Vordermark, Universitätsmedizin Halle, zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) gewählt. Auch wenn die ersten 100 Tage im Amt noch nicht verstrichen sind, sprachen wir mit ihm über die Entwicklung und Meilensteine des Fachs sowie die anstehenden Herausforderungen und Pläne.

Welchen Stellenwert hat die Radioonkologie heute in der Krebstherapie?
Prof. Vordermark: Sie ist ein zentraler Player in der interdisziplinären Krebstherapie. Wir lehren schon in der Vorlesung, dass es drei Säulen der Krebstherapie gibt: die Operation, die medikamentöse Therapie und die Strahlentherapie. Und der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu: Zum einen gibt es mehr Tumorerkrankungen, bei denen sie zunehmend auch als Primärtherapie infrage kommt. Zum anderen gewinnt sie aufgrund des demografischen Wandels an Bedeutung, weil auch Krebspatientinnen und -patienten bei Erstdiagnose älter sind: Das mittlere Alter von Menschen mit Tumorleiden ist in Deutschland bei Diagnosestellung schon ca. 70 Jahre. Daher gibt es immer mehr Betroffene, für die wegen ihres Allgemeinzustandes eine Operation nicht mehr infrage kommt. Hinzu kommt, dass es sich bei der Strahlentherapie um eine organerhaltende Methode handelt, bei der der Krebs gezielt behandelt wird, während Kehlkopf und Enddarm erhalten erhalten. Die Strahlentherapie wird also sehr breit eingesetzt, sowohl bei der kurativen als auch bei der palliativen Behandlung.

Was sind aus Ihrer Sicht die wegweisenden Fortschritte in der Strahlentherapie?
Prof. Vordermark: Unser Fach ist schon immer ein High-Tech Fach gewesen ´, hat sich aber gerade in jüngster Zeit sehr dynamisch weiterentwickelt. Die Bestrahlungsplanungssoftware arbeitet beispielsweise längst mit künstlicher Intelligenz, was die Bestrahlungsplanung schneller und zuverlässiger macht. Auch die Weiterentwicklung der Bestrahlungstechnik schreitet rasant voran. Dabei geht es stets um zwei Aspekte: zum einen um eine höhere Wirksamkeit – also eine bessere Tumorkontrolle und höhere Heilungschancen –, zum anderen um geringere Nebenwirkungen, sprich eine bessere Schonung der gesunden Organe und Gewebe. An beiden Stellschrauben wurde in den vergangenen Jahren viel erreicht: Die Therapie ist insgesamt wirksamer und nebenwirkungsärmer geworden.

Wo sehen Sie die Hauptaufgabe der Fachgesellschaft in diesem Spannungsfeld von Technik und Medizin?
Prof. Vordermark: Unsere Aufgabe ist es, die neuen Techniken zu evaluieren und auch möglichst schnell in den klinischen Alltag zu überführen, also in die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu bringen. Das bedeutet, wir müssen zunächst Studien unterstützen, die neue Techniken evaluieren, und dann die evidenzbasierten Erkenntnisse aus diesen Studien in die Leitlinien integrieren. Die DEGRO arbeitet daher sehr intensiv an den Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft zu den verschiedenen Indikationen mit, um zu gewährleisten, dass dort der neueste Stand der Radioonkologie abgebildet ist. Darüber hinaus kümmern wir uns darum, dass wir die Versorgung vor Ort sicherstellen, auch was die Verfügbarkeit von neuesten Therapiemöglichkeiten angeht. Hier arbeiten wir zudem eng mit den Berufsverbänden zusammen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Radioonkologie in der Zukunft?
Prof. Vordermark: Eine große Herausforderung ist sicher, dass unser Gesundheitssystem im Wandel begriffen ist. Zum einen gibt es Krankenhausstrukturreformen, zum anderen ist auch in der ambulanten Versorgung vieles im Umbruch.
Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist, dass wir einerseits eine hoch spezialisierte Therapie anbieten möchten, andererseits aber auch die Menschen in der Fläche versorgen müssen. In anderen Ländern ist die Strahlentherapie sehr zentralisiert und auch wir brauchen wissenschaftlich gut aufgestellte Exzellenzzentren, gerade für komplexe und seltene Tumorerkrankungen. Darüber hinaus müssen wir sicherstellen, dass die vielen Patientinnen mit Brustkrebs und die Patienten mit Prostatakrebs wohnortnah nach dem neuesten Stand der Forschung versorgt werden. Das ist in Deutschland durch die Zertifizierung von Krebszentren gewährleistet. Auch viele kleinere Standorte haben Brust-, Prostata- oder Darmkrebszentren. Diese wohnortnahe Versorgung ist für viele häufige Tumorarten sehr sinnvoll. Bei selteneren Erkrankungen, die spezialisierte Therapieangebote erfordern, ist es jedoch wichtig, dass Patientinnen und Patienten über ein entsprechendes Netzwerk zeitnah in ein großes, z. B. universitäres Zentrum weitergeleitet werden. Das gelingt letzten Endes nur durch entsprechende Netzwerke und Kooperationen – und es ist eine wichtige Aufgabe der DEGRO, diese Strukturen mitzugestalten. Damit ist für alle Patientinnen und Patienten eine optimale Versorgung gesichert und wir müssen darauf achten, das wir diese nicht im Zuge der Strukturreformen aufs Spiel setzen.
Eine weitere Herausforderung ist es darüber hinaus, die Bedeutung der Radiotherapie nach außen zu kommunizieren, denn noch immer gibt es viele Vorbehalte und Missverständnisse…

Wo genau gibt es Kommunikationsbedarf? Was sollten Menschen mit dem Begriff Strahlentherapie assoziieren?
Prof. Vordermark: Aktuell ist die Strahlentherapie noch mit zahlreichen negativen Assoziationen verbunden, die teilweise aus früheren Zeiten stammen: Viele Menschen setzen Strahlen in erster Linie mit Gefahr gleich, weniger mit ihrem therapeutischen Nutzen. Auch denken die meisten, die Strahlentherapie wird nur dann eingesetzt, wenn nichts anderes mehr infrage kommt und alle anderen Therapiemöglichketen ausgereizt sind. Natürlich kommt sie nach wie vor auch in der Palliativsituation zum Einsatz, einfach weil sie recht nebenwirkungsarm ist. Doch was viele nicht wissen: Die Strahlentherapie ist hocheffizient und wird heute überwiegend kurativ eingesetzt – also mit dem Ziel der Heilung. Dies kann entweder als organerhaltende Alternative zur Operation geschehen, etwa bei Prostata- oder Blasentumoren, oder als Bestandteil einer multidisziplinären Tumortherapie, in der verschiedene Behandlungen kombiniert werden, wie beispielsweise bei Brustkrebs. Die Strahlentherapie stellt dabei oft den letzten Schritt in der Behandlungskette dar und hat dann das Ziel, das Rezidivrisiko zu senken und den Behandlungserfolg zu konsolidieren. Darüber hinaus ist sie hocheffektiv bei der Behandlung von Metastasen, kann mitunter sogar auch in dieser Situation kurativ eingesetzt werden. Kurz gesagt: Der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu, gerade auch als Primärtherapie, und Patientinnen und Patienten sollten über strahlentherapeutische Alternativen adäquat aufgeklärt werden.

Die Radioonkologie ist oftmals nicht der primäre Behandler. Wie stellen Sie sicher, dass Patientinnen und Patienten in den Fällen, in denen die Strahlentherapie eine gleichwertige Alternative zu einer anderen Therapieform darstellt, darüber gleichwertig aufgeklärt werden?
Prof. Vordermark: Hier ist ebenfalls die Leitlinienarbeit entscheidend, in die sich die DEGRO intensiv einbringt – denn zu allen S3-Leitlinien von der Deutschen Krebsgesellschaft gibt es auch Patientenleitlinien. Sie sind eine ganz wichtige Informationsquelle für Betroffene und beschreiben die möglichen Therapiewege.
Darüber hinaus handelt es sich bei den durch die Krebsgesellschaft zertifizierten Tumorzentren um interdisziplinäre Krebszentren, in denen Ärztinnen und Ärzte verschiedener Disziplinen gemeinsam den für die Patientin/ den Patienten individuell besten Therapieweg festlegen sollen.
Doch nicht überall erfolgt auch die anfängliche Patientenaufklärung interdisziplinär, was aus unserer Sicht sinnvoll wäre, wenn die Leitlinie zwei Behandlungswege als gleichwertig einstuft, wie das zum Beispiel bei Prostatakrebs der Fall ist. Die Diagnose wird durch die urologischen Kolleginnen und Kollegen gestellt und die urologische Therapie ist die Prostatektomie, die chirurgische Entfernung der Prostata. Und natürlich ist es schwierig, über die Vor- und Nachteile einer Behandlung, die man nicht selbst durchführt, gleichwertig zu informieren. Ideal wäre daher aus unserer Sicht eine interdisziplinäre Sprechstunde, bei der Vertreterinnen und Vertreter beider Fächer die Betroffenen gemeinsam beraten. Außer bei Prostatatumoren wäre das auch bei Blasen- oder einigen Lungentumoren sinnvoll. Hinzu kommt, dass es für Patientinnen und Patienten sehr viel einfacher wäre, wenn ihr Therapieweg im offenen Austausch und anschließenden Konsens mit den verschiedenen Fachrichtungen festgelegt würde, als wenn sie nach der Beratung durch die eine Fachrichtung proaktiv einen Termin bei der zweiten organisieren müssen und sie das Gefühl haben, dieser Schritt könne das Verhältnis mit dem Erstberatenden stören. Die Betroffenen sind durch die Diagnose bereits genug belastet, sie sollten einen einfachen Zugang zu einer möglichst interdisziplinär aufgestellten Patientenberatung haben!

Der Interviewtext kann ganz oder in Auszügen abgedruckt werden. Für inhaltliche Rückfragen, individuelle Anfragen etc. steht die DEGRO Pressestelle zur Verfügung.

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